Lindauer Marionettenoper

Philosophie

"Lebendiger als in der großen Oper" - Dieser Eintrag im Gästebuch bringt die Philosophie der Lindauer Marionettenoper auf einen Punkt. Wenn die Zuschauer vergessen, dass auf der Bühne "nur" Marionetten agieren, haben die Puppenspieler der Marionettenoper ihr Ziel erreicht. Erst wenn man glaubt, die Puppen atmen zu hören, in ihren Gesichtern Freude oder Traurigkeit, Glück oder Schmerz entdeckt, ist das Bewegungsspiel vollkommen. Den menschlichen Vorbildern möglichst nahe zu kommen, ist der Kern der Philosophie der Marionettenoper.

Der Ursprung jeder Bewegung liegt dabei in der Musik. Keine Note ist zufällig. Keine Bewegung ist zufällig. Wann eine Figur einen Schritt macht, sich hinsetzt, wieder aufsteht, ist von der Partitur inspiriert. Welche Bilder der Komponist bei der Erarbeitung eines Werkes im Kopf hatte, ist natürlich nicht mehr en detail nachvollziehbar. Dennoch ist davon auszugehen, dass die großen Werke der Musikliteratur nicht einfach nur Vertonungen von Gefühlen beziehungsweise Stimmungen sind, sondern sehr detailgenaue musikalische Umsetzungen szenischer Abläufe. Bilder und Musik sind untrennbar miteinander verbunden. Oper ist immer artifiziell. Oper ist kein Schauspiel mit Gesang. Deshalb wird das gesamte Bewegungsspiel der Marionettenoper choreografisch abstrahiert. Dabei ist jedes noch so kleine Detail bedeutsam. Da eine Marionette eben keine Mimik besitzt, müssen alle Formen des Ausdrucks über Gesten transportiert werden. Ob eine Haltung demütig oder traurig ist, darüber können beispielsweise bei einer Kopfbewegung Millimeter entscheiden.

Da eine Marionette nicht singen muss, ist sie in ihrem Bewegungsspiel freier als ein Opernsänger auf einer großen Bühne. Deshalb kann ein Choreograph, der mit Marionetten arbeitet, viel detailgenauer auf die musikalische Vorgabe eingehen als bei der "großen" Oper. Diese Freiheit ist für die die Marionettenoper Verpflichtung. Und Leidenschaft.

Kostüme, Bühnenbilder und Kulissen sind von den historischen Vorbildern aus der Entstehungszeit der jeweiligen Opern inspiriert. Die Auseinandersetzung mit verschiedenen Epochen der Musikgeschichte ist für die Lindauer Marionettenoper immer ein spannender Prozess. Deshalb findet man im Repertoire auch keine postmodernen Bearbeitungen historischer Stoffe.

 

Geschichte

Die Lindauer Marionettenoper wurde im Jahr 2000 von Bernhard Leismüller gegründet. Etwa 400 Marionetten hat Bernhard Leismüller inzwischen gebaut. Über 100.000 Zuschauer waren seither zu Gast. Das Ensemble zählt mittlerweile 12 Puppenspieler. Insgesamt arbeiten mehr als 20 Leute für die Marionettenoper. Sogar einen Förderverein gibt es. Die "Freunde der Lindauer Marionettenoper" sind auf über 180 Mitglieder angewachsen.

Spielte die Lindauer Marionettenoper anfänglich noch mit einem Provisorium, so ist sie heute stolze Besitzerin einer fest eingebauten Bühne im Stadttheater Lindau. Seit 2010 verfügt die Marionettenoper auch über eine mobile Bühne und kann damit auch Gastspiele anbieten. Die Besucherzahlen sind von Jahr zu Jahr kontinuierlich gestiegen. Anfänglich spielte die Marionettenoper manchmal vor weniger als 10 Besuchern. Heute liegt die Auslastung bei 89 Prozent, Tendenz: weiter steigend. Besuchten zu Beginn nur Zuschauer aus der Region die Vorstellungen, so reisen heute nicht wenige mehrere 100 km an, um eine der Aufführungen zu erleben.

Außerdem ist es der Marionettenoper gelungen, sich als Marionettenbühne für Erwachsene zu etablieren. Da Marionettentheater heute fast automatisch mit Kindertheater assoziiert wird, ist dies sicher nicht selbstverständlich. Tatsächlich ist die Lindauer Marionettenoper heute die einzige Puppenbühne in Deutschland, die ausschließlich Musiktheater spielt und sich damit konsequent auf die Zielgruppe der erwachsenen Zuschauer konzentriert. So gibt es in Lindau auch keine Kurzversionen der Opern für Kinder. Dass zum Publikum dennoch immer wieder Kinder zählen, die sich für das Medium Oper begeistern lassen, ist durchaus Bestätigung für diesen Weg.

 

Repertoire

Zum Repertoire zählen inzwischen 7 Opern, eine Operette und seit 2010 auch ein Ballett: "Die Zauberflöte", "Die Entführung aus dem Serail", "Cosi fan tutte", "Der Barbier von Sevilla", "Hänsel und Gretel", "Carmen", "La Traviata" "Die Fledermaus", und "Schwanensee".

 

Chronologie:

2000 Gründung / Bau der ersten Bühnenkonstruktion / Erstausbildung von Puppenspielern

Produktionen: "Die Entführung aus dem Serail", "Die Zauberflöte"

2001 Gründung des Fördervereins "Freunde der Lindauer Marionettenoper"

Produktionen: "Der Barbier von Sevilla", "Hänsel und Gretel"

2002 Erste Fernsehauftritte bei ORF und Bayerischem Fernsehen

Produktion: "Carmen"

2003 Produktion: "Cosi fan tutte"

2004 Neubau Bühne und Zuschauersaal

Produktion: "Zauberflöte 2"

2005 5-jähriges Jubiläum

Produktion: "Die Fledermaus"

2006 Gastspiel beim ersten "Internationalen Festival der Marionettenopern" in Mailand

Produktionen: "Carmen 2", "Entführung aus dem Serail 2"

2007 Produktion: "Zauberflöte 3"

2008 Dämmung des Dachstuhls / Einbau einer Klimaanlage

Produktionen: "La Traviata", "Hänsel und Gretel 2"

2009 Vorbereitungen auf Jubiläumsproduktion

2010 10 Jahre Lindauer Marionettenoper

Produktion: "Schwanensee"

2011 Produktion: "Carmen3"

2012 Einweihung der Reisebühne

2013 Produktion: "Der Barbier von Sevilla2"